DAS KATZENHAUS
Katzenmärchen, Quelle unbekannt
Vor sehr langer Zeit, als Tiere noch sprechen konnten, lebte eine Katzengemeinschaft in einem verlassenen Haus nicht weit von einer grossen Stadt. Die Katzen hatten alles, was das Herz begehrte. Sie waren alle satt und hatten ein schönes Pelzchen, und wenn sich mal eine dumme Maus zu ihnen ins Katzenhaus verirrte, so jagten sie die Maus zu Tode.
Die älteren Leute in der Stadt sprachen sehr oft von den Katzen und von den alten Zeiten, als die Stadt noch von Mäusen und Ratten geplagt war und allen Mais aufgefressen haben. Damals haben die Katzen die Menschen vor dem grausamen Hungertod gerettet. Vielleicht war es Dankbarkeit, dass die Katzen und ihre Nachkommen in Frieden in diesem Haus leben durften. Niemand wusste, wie die Katzen zu Geld kamen um alles zu bezahlen. Aber die Katzen waren reich genug um Dienstpersonal zu haben, welche die Dinge machten, die Katzen nicht tun konnten - die Hausarbeit, oder das Kochen von Fleisch, welches sie nicht roh essen wollten.
Die Katzen waren aber mit der Hausarbeit nur selten zufrieden, und die meisten Hausmädchen und Diener waren es bald müde, nur in Katzengesellschaft zu leben. So kam es, dass das Hauspersonal nie lange blieb. In der Stadt gab es sogar das Sprichwort
'Erst wer seinen allerletzten Penny verliert, geht um bei den Katzen zu leben'.
In einer kleinen Dorfprovinz ausserhalb der grossen Stadt wohnte Tiziana mit ihrer verwittweten Mutter und ihrer Schwester Peppina. Tiziana war eine sehr unglückliche junge Frau. Ihre Mutter bevorzugte Tizianas ältere Schwester Peppina und verwöhnte sie nach Strich und Faden. Das Beste war nicht gut genug für Peppina. Tiziana hingegen musste für ihre Mutter und ihre Schwester hart arbeiten. Tiziana bekam keine Hilfe, weder Dank noch Lohn. Wenn Tiziana traurig war und sich beklagte, wurde sie von ihrer Mutter mit dem Besen geschlagen. Eines Tages konnte Tiziana nicht mehr und entschloss sich, zu gehen um bei den Katzen zu leben. Tizianas Mutter war sehr erfreut über die Nachricht und jagte Tiziana mit dem Besen fort.
Tiziana rannte zum Katzenhaus wo die Katzen wohnten. Der Katzenkoch hatte soeben am Morgen gekündigt. Er verliess das Haus mit Kratzwunden an Gesicht und Händen. Tiziana war sehr willkommen, obwohl die Katzen doch besorgt darum waren, ob sie auch kochen könnte und ob sie in der Lage wäre, alles dafür zu tun, um die Katzen zufrieden zu stellen.
Tiziana begann gleich mit ihrer Hausarbeit in der Küche, doch sie wurde bei der Arbeit durch die ständige Abfolge von Katzen schwer behindert. Eine Katze nach der anderen schlich sich an, um die neue Dienerin zu inspizieren. Die eine lag vor ihren Füssen, eine andere sass auf dem Stuhl. Ronny, ein grosser rothaariger etwas älterer Kater, sass auf dem Küchentisch und beobachtete das Geschehen und viele weitere pfotelten durch die Küche. Alle Katzen schnurrten und waren zufrieden über die neue Magd. Doch Tiziana konnte ihre Katzensprache noch nicht verstehen, und so wusste sie oft nicht, was die Katzen von ihr wollten und was sie als nächstes tun sollte. Guten Herzens und mit einem fröhlichen Summen fuhr sie mit ihrer Arbeit fort und hob die kleinen Kätzchen hoch, welche über den Boden gepurzelt sind. Sie schlichtete Streitigkeiten, wenn sich die Katzen ins Fell geraten sind, und sie kümmerte sich liebevoll um Sammy, der seine Pfote im Spiel verletzt hatte und pflegte Ronny sehr fürsorglich und kraulte ihn am Nacken.
Die Katzen waren sehr beeindruckt! Und es wurde immer besser, Tiziana und die Katzen wuchsen zusammen und die Magd hatte sich mit der Zeit sogar an die seltsame Art und Weise der Katzen gewöhnt. Nie zuvor war das Katzenhaus so sauber, das Essen so schön serviert, die kranken und alten Katzen wurden noch nie so liebevoll und fürsorglich gepflegt und gestreichelt, noch nie hat sich jemand so um sie gekümmert.
An einem Tag war grosse Aufregung im Katzenhaus. Die Kätzchen waren voll Freude und zeigten sich von ihrer schnurrigsten Seite. Hoher Besuch von obersten Katzenrat wurde erwartet, ein grosser etwas fetter Kater namens Don Luciano. Don Luciano selbst wohnte nicht im Katzenhau. Er genoss eine schöne grosse Assienda in einer Scheue. Von Zeit zu Zeit kam er ins Katzenhaus um nach seiner Kolonie zu sehen. Der Herr Katzenrat war sehr von Tiziana angetan. Mit seinen grossen grünen Katzenaugen und spitzen Ohren starrte er sie an und beobachtete sie bei der Hausarbeit.
Don Luciano fragte die Katzen: 'Miau! Seid ihr auch zufrieden mit der schönen Tiziana mit den dunklen langen Haaren und den schönen braunen Augen?'
Und die Katzen schnurrten begeistert: 'Oh ja gnädiger Don! Wir hatten noch nie zuvor so ein liebevolles und fleissiges Dienstmädchen im Katzenhaus!'
Don Luciano fragte jedesmal, wenn er zu Besuch kam, und die Kätzchen antworteten immer dasselbe.
Die Zeiten im Katzenhaus hätten nicht besser sein können. Don Luciano kam sogar etwas öfters zu Besuch als gewöhnlich, um der schönen Tiziana bei der Arbeit zuzusehen, und wie sie die Jungen streichelte. Doch nach einer Weile bemerkte Don Luciano, dass Tiziana von Mal zu Mal trauriger wurde. Eines Tages fand er sie weinend auf dem Küchenboden sitzend und schnurrte besorgt
'Was ist der Grund meine Liebe, war jemand unfreundlich zu Dir oder hat Dich gekratzt?'
Tiziana schluchzte: 'Nein Don Luciano. Alle sind so gut und so lieb zu mir. Aber ich hoffe seit langer Zeit auf einen Brief von meiner Mutter und meiner Schwester'.
Sensibel und einfühlsam wie Don Luciano war, verstand er Tizianas Gefühle und schnurrte zu ihr:
'Du solltest jetzt nach hause gehen, es sei denn, Du möchtest hier bleiben. Doch bevor Du das Katzenhaus verlässt, möchte ich mich bei Dir für die Fürsorge und die gute Arbeit bedanken, welche Du meinen Kindern und Nachkommen errichtet hast. Folge mir in den Keller. Du bist die erste Magd, die jemals diesen Keller betreten durfte. Ich habe den Keller all die Jahre immer gut verschlossen und trage den Schlüssel immer bei mir'.
Tiziana folgte dem grossen Kater in den Keller und war überwältigt, als sie im grossen Gewölbekeller direkt unter der Küche stand. Erstaunt sah sie die zwei grossen Gläser, das eine gefüllt mit Öl, die andere gefüllt mit einer glänzenden Flüssigkeit, die aussah wie flüssiges Gold.
'In welches dieser Gläser soll ich Dich eintauchen?' grinste Don Luciano.
Tiziana sagte 'Ins Ölglas' und dachte nicht daran, dass sie es wert sei ins Gold zu tauchen.
'Oh nein mein Kind' entgegnete Don Luciano, 'Du bist sehr viel mehr Wert als Öl'.
Er packte sie mit seiner grossen starken Pfote und tauchte sie ins Glas mit dem flüssigen Gold. Als er Tiziana wieder herauszog, glänzte sie von Kopf bis Fuss nach Gold! Nur ihre schönen rosa Wangen und das schöne dunkle lange Haar blieben unvergoldet. Don Luciano schnurrte sehr zufrieden.
'Nun musst Du nach hause gehen um Deine Mutter und Schwester zu sehen' sagte Don Luciano, 'aber sei vorsichtig. Wenn Du den Hahn krähen hörst, dann geh zu ihm, hörst Du aber den Esel, dann schau nicht in seine Richtung'.
Tiziana küsste dankbar Don Lucianos Pfote und machte sich auf ihren Heimweg ins kleine Provinznest. Als sie schon ganz in er Nähe war, hörte sie einen Hahn krähen. Sie lief in seine Richtung, und plötzlich hatte sie einen wunderschönen goldenen Stern auf der Stirn. Zur gleichen Zeit begann ein Esel zu brüllen, aber Tiziana sah nicht hin und lief schnell weiter. Als Tiziana daheim war, standen ihre Mutter und ihre Schwester bereits vor dem Haus. Ihr Erstaunen war sehr gross, und die Bewunderung wurde noch grösser, als Tiziana ihr Taschentuch aus der Tasche zog und eine Handvoll pures Gold herausfiel.
Die Mutter und ihre Töchter lebten von nun an sehr glücklich zusammen. Tiziana schenkte ihnen alles, was sie mitgebracht hatte. Nur ihre goldene Kleidung hat Tiziana behalten, denn diese ging trotz aller Bemühungen ihrer eifersüchtigen Schwester Peppina nicht ab. Auch der goldene Stern auf ihrer Stirn konnte ihre Schwester nicht für sich gewinnen, aber alle übrigen Goldstücke wurden unter Mutter und Schwester aufgeteilt.
'Vielleicht sollte ich auch eine Weile bei den Katzen leben und schauen, was ich aus den Biestern rausholen kann' sagte Peppina, Tizianas ältere Schwester.
'Ich will etwas vom Katzengold für mich!'.
Peppina verliess das Haus noch vor Sonnenaufgang. Die Katzenkolonie hatte noch keine neue Hausmagd und die Katzen wussten, dass sie nie wieder ein liebes Dienstmädchen wie Tiziana finden würden. Als die Katzen hörten, dass Peppina Tizianas Schwester ist, liefen sie sofort alle her um Peppina zu beschnuppern.
'Sie ist überhaupt nicht wie Tiziana', flüsterten die Kätzchen untereinander.
'Pssscht!' sagte die Katzenälteste 'nicht alle Bediensteten können so hübsch sein wie Tiziana'.
Aber alle Kätzchen waren sich einig, sie war niemals wie Tiziana. Schon an Peppinas erstem Arbeitstag schlug sie die Küchentür vor der Nase der Katerchen zu, welche für gewöhnlich der schönen Tiziana bei der Arbeit zuschauten. Ein junges schelmisches Kätzchen sprang durch das offene Fenster auf den Küchentisch und bekam mit der Kuchenrolle einen solchen Schlag, dass er eine ganze Stunde lang schrie und miaute. Mit jedem Tag der verging, wurde den Kätzchen ihr Unglück mehr und mehr bewusst. Die Arbeit wurde mehr als schlecht gemacht, das Dienstmädchen war launisch, unfreundlich und sehr unangenehm. Staub in allen Ecken, Spinnweben hingen von den Decken und Fensterscheiben. Die Betten waren so gut wie nie gemacht und die Federkissen für die älteren und schwächeren Katzen wurden nie ausgeschüttelt. Als Don Luciano erneut auf einen Inspektionsbesuch ins Katzenhaus kam, fand er seine Genossen in einem Zustand von höchster Aufruhr!
'Cäsar's Beinchen ist so stark angeschwollen, es sieht so aus als wäre es gebrochen' miaute ein besorgtes Kätzchen namens Minou
'Peppina trat ihn mit ihren grossen schweren Stiefeln'.
Hector hatte einen Abszess an seinem Rücken, wegen einem Holzstuhl, der nach ihm geworfen wurde und Aggrippinas drei kleine süssen Katzenbabys sind neben ihrer Mutter verhungert, weil Peppina ihr Körbchen auf dem Dachboden vergessen hat.
'Diese Kreatur ist zu nichts zu gebrauchen. Schick sie bitte wieder fort, Don Luciano' bettelten die Kätzchen, 'Tiziana wäre nicht böse auf uns, sie muss wohl wissen, was für eine Schwester sie hat'.
Don Luciano sah auf die Misere und musste sofort handeln.
'Komm her' miaute Don Luciano in einer seiner tiefsten Töne.
Er nahm Peppina mit in den Keller hinunter und zeigte ihr die gleichen zwei grossen Gläser.
'In welches dieser Gläser werde ich Dich wohl eintauchen?'
Peppina antwortete laut und selbstverständlich 'In dem flüssigen Gold', denn sie war gar nicht bescheiden, war gierig und unfreundlich.
Don Luciano aber knurrte verärgert 'Du hat es nicht verdient!'
und tauchte sie in Öl, wo sie beinahe erstickt wäre. Als sie wieder an der Oberfläche auftauchte, schrie und kämpfte sie. Doch der rachsüchtige Kater packte sie mit seinen grossen starken Pfoten auf den Boden und rollte sie im Aschenhaufen hin und her. Peppina war schmutzig und widerlich anzusehen, und Don Luciano schob sie zur Türe hinaus und rief ihr nach
'Geh jetzt! Und wenn Du einen Esel hörst, dann lauf sofort in seine Richtung!'
Stolpernd und tobend machte sich Peppina auf den Heimweg. Sie hatte ihre Mutter vor dem Haus schon erblickt, da hörte sie einen Esel und lief geradewegs auf den Esel zu. Plötzlich wuchs auf Peppina's Stirn ein langer dunkler Eselschwanz. Peppina lief so schnell sie nur konnte nach Hause, voll Wut und Verzweiflung.
Es kostete Tiziana zwei Stunden Arbeit und zwei Stück Seife, um das Öl und die Asche von Peppina zu waschen. Aber es war nicht möglich, den Eselsschwanz loszuwerden. Er war regelrecht auf Peppinas Stirn fixiert, so wie der goldene Stern auf Tizianas Stirn.
Die Mutter war sehr wütend auf Liziana und gab ihr die Schuld an Peppinas Leid. Sie schlug Tiziana gnadenlos mit dem Besen. Dann brachte sie Tiziana zum Brunnen und liess sie hinab. Sie liess die Arme auf dem Grund des Brunnens, weinend und um Hilfe rufend.
Einige Tage zuvor fuhr der Köngissohn in seiner Kutsche am Haus vorbei und sah die schöne Tiziana. Er war verzaubert von Tizianas Schönheit und verliebte sich in die schöne junge Frau mit den rosa Wangen, dem schönen langen dunklen Haar und dem goldenen Stern. Er kam immer wieder, und beobachtete sie aus sicherer Entfernung. Der junge Prinz war sehr verliebt, aber auch zurückhaltend und scheu. Erst als er Tiziana einige Zeit nicht mehr sah, nahm er allen Mut zusammen und bat Tizianas Mutter um die Hand ihrer Tochter. Am nächsten Morgen schon, als der Prinz vorbeikam um seine Braut zu holen, fand er sie umhüllt mit einem weissen Schleier.
'So ist es, wenn Mütter ihre jungfräulichen Töchter einem Königssohn zur Frau geben' erklärte die Mutter.
Der Prinz war zu scheu, so hatte er keine Einwände. Er wusste nicht, dass sich Peppina unter dem Kleid versteckte. So kam es, dass Peppina neben dem Prinz in der Königskutsche sass. Ihr Weg zum Königsschloss führte auch am Katzenhaus vorbei. Die Katzen haben gehört, dass der Königssohn eine wunderschöne goldene Jungfrau mit einem goldenen Stern auf ihrer Stirn heiraten soll. Die Katzen wussten, dass es nur ihre liebe Tiziana sein konnte und warteten gespannt und mit gespitzten Ohren vor dem Katzenhaus auf die Kutsche. Sie alle wollten miauen und mit ihrer Pfote winken, wenn ihre Tiziana zum Konigsschloss fuhr.
Doch als die Kutsche endlich beim Katzenhaus vorbeifuhr, hielten die Katzen ihr Näschen ihn die Luft und schnupperten die Gefahr. Sie fauchten und miauten im Chor
'Miau Miau Miau, gib acht lieber Prinz! Was sich unter dem Schleier verbirgt ist nicht die liebe und schöne Tiziana, sondern die böse und hässliche Peppina'.
Der Kutschenreiter verstand die Katzensprache sehr viel besser als der Königssohn, und als er die Katzen miauen hörte, stoppte er die Pferde und fragte den Prinzen, ob der das Katzengeschnurre verstanden habe.
Der Prinz nahm den Schleier und legte ihn über den Kopf der Braut. Er entdeckte ein hässliches, geschwollenes Gesicht mit einem dunklen Pferdeschwanz an der Stirn.
'Verräterin!'
rief der Prinz laut aus und befohl dem Kutscher, umzudrehen und zurück zum Haus zu fahren. Wütend packte er Peppina und warf sie - zitternd vor Wut - in die Arme der Mutter, die versucht hat den Königssohn zu täuschen. Mit der Hand am Griff seines Schwertes verlangte er nach Tiziana. Die Mutter zog Tiziana hastig aus dem Brunnen hervor. Tizianas Kleidung und ihr goldener Stern auf der Stirn schien so brilliant, und als der Prinz die schöne Tiziana ins Schlos zum König brachte, wurde der ganze Palast wunderschön beleuchtet.
Am nächsten Tag läuteten die königlichen Hochzeitsglocken. Alle Kätzchen, die Kleinen und die Grossen, die Jungen und die Alten, angeführt von Don Luciano, winkten glücklich und zufrieden schnurrend mit ihrer Pfote dem Brautpaar zu und waren gern gesehene Gäste bei der Hochzeitsfeier auf dem Schloss.