TIMOSHENKO
Quelle unbekannt

Es war im Jahr 1942, als mein Vater - der täglich etwa 50 Kilometer zum Flugplatz zur Arbeit fuhr – an einem Samstag Mittag nach hause kam. Er fischte eine Handvoll Pelz aus seinem blauen Mantel, legte es auf dem Küchentisch und sagte zögernd: ‚Es ist eine Katze’.

Während dem Essen erzählte er uns, wie er zu diesem Kätzchen kam. Das Kätzchen war das einzig überlebende seines Wurfs. Auf der Suche nach einem Plätzchen für ihre Jungen fand eine Collie Hündin das kleine Kätzchen in einem Luftschutzkeller und fütterte das hungrige Katzenbaby mit. Mein Vater beendete die Geschichte und sagte: ‚Ich hätte nie gedacht, dass ich als preisgekrönter Taubenzüchter jemals ein Katzenfreund werden würde’.

In Hinblick auf die Widerstandskraft und den Überlebenswillen des kleinen Kätzchen nannten wir es Timoshenko – nach dem russischen Kriegshelden. Der Name war sehr treffend. Timoshenko war der Chef im Revier. Er tolerierte keine andere Katze oder Hund in unserem Garten. Er folgte meiner Mutter täglich ins Geschäft, und seine schönste Zeit verbrachte er über der Türschwelle. Dort konnte er sonnen und hatte einen guten Ausblick auf sein grosses Revier. Timoshenko klopfte mit seiner Pfote jedem männlichen Besucher auf seinen Hut. Das Leben war süss und schön für den grossen Kater. Er war unangefochtener Herr im Haus und Hof und fürchtete sich vor nichts. Bis zu diesem Samstag Nachmittag…

Das Nachbarshaus, welches nach einem Bombeneinschlag beschädigt und wieder repariert wurde, war wieder einzugsbereit. Die neuen Nachbarn wurden für diesen Tag erwartet. Und so war es auch: ein grosser Van fuhr vor. Sie packten ihre Sachen aus, das übliche Zeugs, Koffer, ein Grammophon, Schallplatten, und eine Teekiste mit Gitterstäben an der Vorderseite. Darin war ES!
Die Nachbarn legten die Teekiste auf den Boden und entfesselten das grausame Monster - eine Ente!

Es ist nicht bekannt, ob die Ente jemals Umgang mit Katzen hatte, aber Timoshenko hatte bestimmt noch nie eine Ente gesehen! Und diese Ente watschelte in IHREM Hoheitsgebiet umher.

Timoshenko probierte alle üblichen Taktiken aus: er streckte sich, wackelte gewaltsam mit seinem Schwanz, starrte hart und energisch, doch die Ente kam immer wieder. Eine Konfrontation war unvermeidlich. Für Timoshenko war ein Rückzug undenkbar, doch hier war die Ente der Herr. Die Ente klopfte mit ihrem Schnabel auf den Kopf des armen Timoshenko. Und in seiner Verwirrung lief Timoshenko davon. Die Ente war der einzige Gegner, der es je mit ihm aufgenommen hat.

Die Dinge waren nie wieder dieselben. Der Kater war immer noch unangefochtener Herr im und um dem Hof, doch bepfotelte er nur ganz selten den Nachbarsgarten wo die Ente regierte. Und wenn Timoshenko mal durch den Nachbarsgarten pfotelte, dann tat er dies still und schleichend wie ein Dieb.

Das einstige Waisenkätzchen Timoshenko führte ein langes und schönes Katerleben und starb im Alter von über 12 Jahren als gezeichneter Kämpfer, auch wenn seine ‚Kämpfe’ etwas seltsam waren.