DIE KATZE AUS HAMMAMET
von Louise Smith

Überall wo ich hinsah waren Katzen: schleichend durch Türen, lauernd am Hafen, dösend auf gekalkten Mauern. In meinem Reiseführer stand geschrieben, dass es in Tunesien sehr viele Katzen gibt. Unser Hotel lag ausserhalb Hammamets, an der nördlichen Mittelmeerküste von Tunesien.

Am ersten Abend erschien plötzlich ein dünnes sehr niedliches Kätzchen an unserem Tisch auf der Terasse. Ab und zu liess ich etwas gegrillten Fisch auf den Boden fallen. Wie durch Geisterhand kamen plötzlich 4 kleine etwa 5-Wochen alte Kätzchen aus dem Gebüsch hervor. Alle sahen sehr kränklich aus und das vierte kleine Kätzchen hatte sogar ein verstopftes Näschen. Es blieb auf dem warmen Betonboden hocken, während sich seine Geschwister auf die Fischbissen stürzten. Mama behielt ihre Jungen im Auge und war sich sicher, dass allen Touristen ihre Misere bemerken würden.

Ich gab den kleinen Kätzchen allen einen Namen. Das einzige Weibchen nannte ich ‚Little-Black’, dann ‚Little-Ginge’, ‚Big-Ginge’ und ‚Black-and-White’. Ihr Nest war im schönen Blumenbeet des Hotels mit einer wunderbaren Aussicht auf die Terasse. ‚Black-and-White’ war sehr viel kleiner als die anderen Kätzchen. Für Mami war es eine harte Zeit, und es war hart, unter den gegebenen Umständen 4 Jungen zu füttern. Sie hat den Kleinen nicht erlaubt, mehr als eins zwei Minuten an ihr zu saugen. Die Hungrigen stupsten den kleinen ‚Black-and-White’ immer weg, und es sah aus, als würde 'Black-and-White' ein Verlierer werden.

Mami und ihre Kleinen waren so lieb und so süss! Sie sahen mich so lieb an, was konnte ich tun? Also säuberte ich ihnen ihre Augen und Nase. Ich verbrachte einen Teil des Sommers bereits als Krankenpflegerin für kranke Katzen in einem Tierheim in England, so war es vielleicht fast selbstverständlich, dass ich meinen Urlaub auch in Tunesien den armen Katzen widmen würde. Mein Mann seufzte, packte seine Badesachen und ging an den Strand. Für ihn war ich die 'Dumme Engländerin'. Doch ich war nicht die einzige Dumme. Schon bald traf ich eine gute Gefährtin, die mir dabei half, die junge Katzenfamilie aufzupeppeln und zu pflegen, während unsere Männer kopfschüttelnd beim Schwimmen waren.

Von zuhause in England kannten wir Tierliebe, saubere feline Katzenpflege, Katzenmedizin, doch hier bekamen wir für unser Tun nur Verachtung!

Eines Abends sah ‚Black-and-White’ furchtbar aus! So nahmen wir klein ‚Black-and-White’ und träufelten ihm Milch mit der Ecke eines Taschentuchs in den Mund. Katzenmilchersatz – sowas war hier in Tunesien völlig unbekannt! So peppelten wir ihn mit Kuhmilch auf, und ‚Black-and-White’ wurde wieder munter und entwickelte sich zu einem kleinen aufgeweckten Teufelchen.

Als wir den Kätzchen wieder mal die Äuglein säuberten, kam der ganz verwirrte Hoteldirektor und bot uns an: ‚Ihr könnt die Katzen mitnehmen und behalten, kein Geld’. Das Einzige, das das Hotel seinen Gästen jemals kostenlos anbot, die Kätzchen. Ich habe nie gesehen, dass das Hotelpersonal gerührt war oder Gewissen zeigte. Im Gegenteil, sie amüsierten sich köstlich über die 'Englische Dumme’ und ihre Katzennarrheit. Die Katzen bekamen sowenig Aufmerksamkeit wie Echsen und Vögel im Hotelpark. Sie wurden nicht beachtet und von Tierliebe sprach hier keiner.

Doch einmal sah ich Katzenmami erhobenen Schwanzes aus dem Souvenier Shop spatzieren. Vielleicht könnte man die Einstellung der Einheimischen gegenüber Tieren doch allmählich ändern?

Es gab noch viele andere Katzen auf dem Gelände, darunter ein paar 12-Wochen alte, eine große schwarz-weisse, welche wir Tom nannten und eine junge Katze. Sie alle spatzierten durch die Büsche im Hotelpark. Wenn man Mama angesprochen hat, ist sie nie weggelaufen. Sie hatte ein schönes weiches und anmutiges Schnurren, sie liess sich streicheln und war sehr gesellig in unserer Gesellschaft.

Bald einmal waren die Kätzchen die neue Kinderattraktion. Katzenfütterung war plötzlich ein beliebtes Kinderspiel in der Hotelanlage, sehr zur Verwunderung der hoteleigenen Kinderanimateure, die Golfbälle rumschlugen und sich als Clowns verkleideten. Die Kinder hatten nur noch Augen für die Kätuchen und fütterten sie liebevoll. Bei all dieser zusätzlichen Nahrung wurde Katzenmami zum Inbegriff der zufriedenen Mutter und pflegte und füttete ihre Jungen vor dem Kinderpublikum. ‚Black-and-White’ wurde etwas dicker und widerstandsfähiger, und er spielte vergnügt mit den anderen Kätzchen. Die Kinder kamen um den Katzenbabys zuzusehen, und während die Kinder die drei kleinen Jungen verhätschelten, konnte ‚Black-and-White’ ungestört bei Mami saugen. Mami hat nie protesitert, wenn wir ihre Kleinen gepflegt und die Äuglein gebadet haben, auch wenn diese lautstark protesiterten und miauten. Sie sah mich an wie ihr Kindermädchen und manchmal wollte sie mir sagen: ‚ich geh nun etwas spatzieren, pass Du solange auf meine Jungen auf’.

Oft lag ‚Black-and-White’ auf meinem Schoss, wollte gestreichelt werden und entschied sich, dass mein Schoss ein schöner Liegeplatz ist, abseits des turbulenten Katzennestes. Die Kätzchen waren vergnügt, spielen unter Hibiskussträuchern, tollten umher und waren hin und wieder sogar in der Hotelempfangshalle geduldet. Täglich haben wir sie gewaschen, gepflegt, gefüttert und aufgepeppelt.

Am Tag meiner Heimreise hatten die Kätzchen immer noch kränkliche Äuglein, aber sie sahen sehr viel besser aus als bei meiner Ankunft. Besonders ‚Black-and-White’ hatte viel zugenommen und sah viel stärker und gesunder aus. Meine Katzenkameradin bleib noch für eine weitere Woche und würde die Kätzchen weiterpflegen.

Wie hat Mama gewusst, auf welchen Tisch sie zugehen soll, um ihre Katzenbabys zu retten?
Oder war es einfach der gegrillte Fisch?