WARTEN AUF GEORGE
Wahre Geschichte aus England, 1995

Draussen war es kalt und es begann wieder zu regnen. Hoffnungsvoll pfotelte die alte Katze zu ihrer vertrauten Haustüre und kratzte daran. Doch ausser ein paar daherfliegenden Pantoffeln, Zigarettenrauch, lautem Kindergeschrei, schallendem Gelächter und dem Dröhnen der HiFi Anlage wurde sie nicht begrüsst. Die alte Katze zögerte, miaute traurig. Ein Spritzer kaltes Wasser tropfte auf ihr Köpfchen um ihr zu sagen, dass sie unwillkommen ist. Nass und traurig lief die Katze so schnell sie konnte weg. Bevor die Frau die Türe zuknallen konnte, hörte man ihr Schreien ‚Das ist wieder diese rote Katze, nun sollte sie aber weg sein’.

Ihr Herzchen schlug in ihrem knöchernen Brustkorb. Die alte Katze setzte sich. Sie rätselte. Sie schlug sich die Tröpfchen Wasser aus ihren Öhrchen und blinzelte mit ihren alten traurigen Augen. Wo war George? Wo war ihr Mensch? Wer waren diese seltsamen Menschen in ihrem Haus? Seit diese Menschen in Uniform gerufen wurden, um George zum Weisskittel zu bringen, war nichts mehr so wie es war. Seltsame Leute waren in ihrem Haus, und die alte Katze war nicht mehr willkommen.

Nun rief niemand mehr nach ihr. Niemand redete in diesem schönen Klang zu ihr, welcher zu Liebe, Zuneigung und Sitzen in der warmen Runde einlud. Sie vermisste den schönen Teppich bei der Heizung, welcher ein Freund von George mal mitgebracht hatte, sie vermisste den Geschmack nach Pfeifentabak und der eigenartige Geruch von Guinness.

Traurig und niedergeschlagen verkroch sich das alte Kätzchen unter einer Hecke. Ihr Bäuchlein war leer. Sie hatte mehrmals an der Türe gekratzt, aber George hat ihr nicht geöffnet. George ist nicht wiedergekehrt um ihr die Türe zu öffnen. Dabei hatte er es doch vor! Das weisse Auto mit den uniformierten Männer brachte George schon einmal zum Weisskittel und er kam wieder zurück. Doch dieses Mal nicht…

Stattdessen fuhr ein grosser Van vor und nahm alle Möbel von George mit. Dann kam ein anderer Wagen mit neuen Möbeln und neuen Menschen. In wenigen Minuten haben sie das Loch repariert, das Loch im Töpferschuppen, welches George für sie gemacht hatte. Sie haben alles verändert.

Die alte Katze legte ihren leeren Bauch auf den Boden, sie legte ihr Kinn auf die Vorderpfote und starrte auf das Haus. George sollte sich beeilen und zurückkehren, um wieder nach dem Rechten zu sehen.

Diese Nacht hatte die alte Katze etwas Glück. Einige Nachbarn haben Milch und Brot für die Igel rausgestellt. Sie frass und trank und hielt Ausschau nach der Speckschwarte, welche die Vögel vielleicht zurückgelassen haben. Auf dem Bürgersteig lagen noch Reste von einem Käsesandwich und ein fettiger Hotdog lag in der Rinne. Die alte Katze leckte ein wenig daran und ging wieder zurück und verkroch sich unter ihrer Hecke.

Sie war alt, sie wusste das. Sie konnte nicht auf Bäume klettern und rumspringen und sie hatte nur noch wenige Zähnchen. Sie war viel zu langsam zum Jagen und mit ihren Zähnchen konnte sie eh keine Maus fressen. George hat ihr ihr Futter immer ganz klein gehackt, damit sie es leicht fressen konnte. Und Georges Freund schenkte ihr einen Teppich, damit sie schön warm neben der Heizung liegen konnte.

Die Nachbarn sagten, George wäre zu seiner Frau gegangen. Aber das konnte nicht sein, weil Georges Frau war schon einige Zeit tot. George ging nur zum Weisskittel und würde bald wiederkommen.

Am nächsten Morgen pfotelte sie gemütlich die Strasse runter, um in der Nähe der Schule zu sitzen. Einige Kinder fütterten sie mit Hühnchen und Fleischwurst von ihren Sandwichs, und sie durfte einen Sack Chips auslecken. Sie wusste, dass in der Nähe ein Fish&Chips Laden offen hatte, und dass davor ein grosser Behälter gefüllt mit Fischen dastand, aber so hoch konnte sie nicht mehr springen. Also machte sie sich wieder auf dem Heimweg, trank unterwegs noch aus einem kleinen Fischteich und wartete daheim vor dem Haus auf George.

An diesem Tag kam George nicht zurück, auch nicht am nächsten. Hoffnungsvoll kratzte sie erneut an ihrer vertrauten Tür, doch sie bekam einen weiteren Kübel Wasser auf ihr Köpfchen. Nach ein paar Tagen hörte sie damit auf und kratzte nicht mehr an ihrer Türe. Sie war zu müde und zu traurig.

Ihr Bäuchlein war leer. Manchmal wenn sie gerade am Einschlafen war, dachte sie, sie höre Georges Stimme, aber wenn sie aufwachte, war niemand da. Es war kalt und feucht unter der Hecke. Aber die neuen Menschen hatten das Versteck im Töpferschuppen mit Brettern vernagelt - das Loch, weswegen Georges Freund den alten Mann genervt hatte, bis er es machte, für den Fall, dass die alte Katze im Regen fest sass, während das Haus tagsüber verschlossen war.

Schliesslich hatte sie sich hingelegt und gehofft, dass alles nur noch vorbeigehen würde. Niemand mehr rief ihren Namen, niemand redete mit vertrauter und anmutiger Stimme. Sie vermisste den Teppich neben der Heizung. Sie war hungrig und durstig, ihr war kalt und sie war nass. Sie hatte Fieber. Sie rollte sich zusammen, soweit sie es mit ihren alten Gliedern noch konnte und versuchte einzuschlafen.

Als sie auf einmal hörte ‚Ist das nicht die Katze des alten Mannes? Was tut sie hier draussen bei solchem Wetter?’ – da dachte sie, sie würde träumen. Ihr war kalt und sie fühlte sich krank, sie wollte nicht aus ihrem Traum erwachen.

‚Ich dachte, seine Tochter und ihr Mann hätten die Katze zu sich genommen, nachdem er gestorben ist? Die Katze sieht elend aus’

‚Ich denke wir bringen sie besser sofort zum Tierarzt. Aber ich zweifle, ob sie ihr noch helfen können. Was für eine Schande haben wir sie nicht viel früher bemerkt!’

Tierarzt! Weisskittel liess die Katze erzittern. Weisskittel bedeutete schlechter Geruch, Nadeln und Tabletten. Einmal, nachdem sie ihre Jungen zur Welt brachte, bekam sie diese Nadelstiche. Bestimmt war sie schon in der Katzenhölle. George sagte Hölle zu allem, und Weisskittel gehörte bestimmt dazu. Doch das alte schwache Kätzchen hatte keine Kraft mehr zu protestieren, als sie ein eine Decke eingewickelt wurde. Es war fast tröstlich, auch wenn sie zum Weisskittel gebracht werden sollte.

Beim Weisskittel konnte sie kaum noch auf ihren eigenen vier Pfötchen stehen. Der Weisskittel machte beruhigende Geräusche und stach mit einer Nadel zu. Sie fühlte sich sehr schwindlig und schwach und fiel auf dem Tisch zusammen. Eins zweimal öffnete sie ihre Augen und sah, wie man ihr eine Nadel in ihr Beinchen steckte. Aber sie war zu müde, um sich zu fragen was das ist, zu müde zu protestieren.
Sie fiel zurück in den Schlaf. Ihr Bäuchlein war leer. Manchmal fand sie die Kraft zum Schnurren, doch nur im sich selber zu unterhalten.

Als sie dann richtig aufwachte, hatte sie Heisshunger. Eine junge Weisskitteldame stellte ihr etwas Futter und Wasser hin. Die alte Katze frass und leckte den Napf sauber, und daneben und dahinter für den Fall, dass ihr irgendwelches Futter neben den Napf gefallen wäre. Dann setzte sie sich und begann ihr Gesicht zu waschen, langsam und wackelig. Überall waren Weisskittelgerüche um sie herum. Sie sass auf einem weissen Handtuch in einem Käfig mit einem kleinen Katzenkistchen. Sie wollte zum Katzenkistchen, doch ihre Beine waren zu schwach und wollten nicht laufen. Die junge Frau, die das Futter brachte, hat sie behutsam genommen und ihr geholfen und hat sie anschliessend noch ein wenig gestreichelt. 

Das nächste Mal als die alte Katze aufwachte, war das Futter ausserhalb der Reichweite. Diesmal konnten ihre Beinchen wieder laufen und sie torkelte wie eine Betrunkene zuerst zum Napf und dann aufs Kistchen. Jedesmal, wenn sie nun aufwachte, war frisches Futter da, und manchmal hörte sie freundliche und liebevolle Stimmen. Die Katze fühlte sich wieder viel besser und freute sich auf zuhause. Bestimmt war George schon besorgt um sie. Sie legte sich auf das weisse Handtuch und schlief ein. Sie hoffte, dass sie das nächste Mal auf dem schönen Teppich neben der Heizung aufwachen würde.

Ein verzweifelter menschlicher Schrei hat die alte Katze plötzlich aus ihrem Schlaf gerissen. Sie kannte diesen menschlichen Schrei bereits, sie hat ihn schon einmal gehört, als Georges Freund gestorben war. Die Katze schaute verblüfft. Dort sassen eine junge und eine etwas ältere Dame. Die junge Dame hatte eine Katze auf ihrem Schoss, doch die Katze regte sich nicht. Die alte Katze sah, wie sie die Katze sanft in eine Decke einwickelten und der jungen Dame zurück auf den Schoss legten.

‚Ich weiss, sie hatte ein gutes Leben, aber ich habe immer gehofft, sie würde aus eigenem Willen gehen’ sagte die trauernde junge Dame und schaukelte die Katze auf ihrem Schoss.
Die alte Katze miaute sanft und kratzte an ihre Käfigtüre. Kummer war etwas, das die alte Katze verstand.
Die beiden Damen blickten sie an.

‘Ein armes altes Kätzchen’ sagte die freundliche Stimme vom Weisskittel. ‚Ihr Besitzer ist gestorben und niemand hat sie beachtet – bis es beinahe zu spät war. Wir haben sie an den Tropf gehängt damit es ihr bald wieder besser gehen würde. Doch sie ist zu alt um sie wieder zu vermitteln, wir haben den Auftrag erhalten sie einzuschläfern. Es ist so ein Jammer, nachdem was die alte Katze alles durchmachen musste und nun gerettet wurde.’
‚Wie alt ist sei denn?’ fragte die junge Dame.
‚Die Nachbarn sagen, sie müsste mindestens 19 Jahre alt sein’ fuhr der Weisskittel fort. ‚Wir haben immer noch die Hoffnung, dass sich jemand für die alte Katze interessiert und sie zu sich nach hause nehmen würde, aber eine alte Katze will niemand haben.’

Die junge Dame legte die Decke auf den Stuhl und ging auf den Käfig zu. Sie öffnetet die Käfigtüre soweit, bis sie das Köpfchen des alten Kätzchens erreichte und streichelte sanft ihr Köpfchen. Die junge Dame machte beruhigende sanfte Töne! Die Töne erinnerten sie an Liebe und Wärme auf einem Teppich bei ihrer Heizung.
‚ Ich glaube, Tinker wäre mir nicht böse, wenn ich sie so rasch ersetzen würde’ sagte die junge Dame, während sie die vibrierende Kehle des alten Kätzchens massierte ‚Tinker musste einschlafen, weil sie so krank war. Es wäre nicht fair, wenn diese Katze einschlafen müsste, weil sie zu alt ist’.

An diesem Abend lag die alte Katze auf einem Schafsfellteppich beim Feuer und neben ihr war ein Napf mit sehr klein gehackten Lebensmitteln. Und es war wieder dieser besondere Klang, diese Wärme, diese Zuneigung, diese Liebe.

Die alte Katze wusste, dass sie George eines Tages wieder sehen würde.
Ihr Bäuchlein war voll. Sie schlief auf dem warmen Schafsfellteppich ein und schnurrte.

***

Nachtrag: Kitty II ist nun bei George. Sie ist 2 Jahre später friedlich eingeschlafen. Sie leidete an altersbedingter Herzinsuffizienz. Ihre neue Familie war bei ihr. Sie schnurrte bis zur letzten Minute, sie war nun lebensmüde. Der Tierarzt bemerkte, dass sie sonst in sehr guter Verfassung war, besser als viele Katzen die nur halb so alt sind. Die letzten 2 Jahren, welche Kitty II bei ihrer neuen Familie lebte, waren Jahre von Liebe und Freude. Sie freute sich im Garten im Sommer und auf dem Schafspelz neben dem Feuer im Winter