DIE KATZE
mit freundlicher Genehmigung von K. In Albon

Er war ihr bereits einmal nach Hause gefolgt, so dass er wusste, wo sie wohnte. Es bestand keine Notwendigkeit mehr, ihr noch einmal nachzugehen. Also blieb er sitzen und blickte ihr lächelnd nach, als sie an ihm vorbeiging. Sie beachtete ihn nicht, sie hatte keinen Grund dazu, denn sie kannte ihn ja nicht. Aber er kannte sie.

Es war ein wundervoll milder Abend im April. Er hatte etwas früher aufgehört zu arbeiten, um ihr begegnen zu können. Seiner Gewohnheit folgend war er in den Park geschlendert, hatte sich dort auf die Bank an der Wegkreuzung zur Wohnsiedlung gesetzt und auf sie gewartet. Wie immer war sie pünktlich, kam von der Stadt her und ging ruhig weiter in Richtung der Siedlung, in der auch er wohnte. Die Abendsonne spielte wundervoll auf ihrem Kleid, ihr langes, hellbraunes Haar fiel weit über ihre Schultern. Als sie hinter einer Biegung verschwand, wandte er seinen Blick wieder seiner unmittelbaren Umgebung zu. Er genoss die sanfte Wärme der Sonne, hörte das Zwitschern der Vögel und roch den frisch gemähten Rasen. Nach einiger Zeit erhob er sich und begab sich nach Hause.

Er ass zu Abend und legte sich dann angekleidet auf sein Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er schloss die Augen, konzentrierte sich kurz und begann mit seinem Geist seine Umgebung abzutasten. Zuerst blieb er in seinem Haus, dann zogen seine Fühler immer weitere Kreise durch die Nachbarschaft, bis er schliesslich fand, was er suchte. Es war ein kleines Kätzchen, das er schon kannte. Er borgte sich den Körper des jungen Tieres aus, sah durch seine Augen, fühlte den Boden unter den winzigen Tatzen und roch durch seine feine Nase. Die empfindlichen Sinne der Katze vermittelten ihm immer neue Wahrnehmungen. Er verstärkte den Druck etwas und brachte das Tier dazu, sich umzusehen. Er kannte die Gegend. Er tapste vorsichtig los, musste sich wieder daran gewöhnen, vier statt zwei Beine zu haben. Als er die nötige Sicherheit gefunden zu haben glaubte, verfiel er in einen leichten Trott. Von einem unglaublichen Hochgefühl ergriffen schlich er durch die Dämmerung, über Seitenstrassen, durch Gärten, über Mauern und Zäune. Schon bald langte er bei ihrem Haus an. Es war ein sehr kleines, sehr schönes Haus. Eine Weile schlich er um das Haus herum, dann blieb er kurz stehen und liess dem Geist des Tieres etwas mehr Freiheit. Sofort setzte sich die Katze hin und begann sich zu putzen. Geduldig liess er es geschehen. Mittlerweile war es schon etwas dunkler, aber die Augen der Katze passten sich ganz hervorragend an das schwache Dämm erlicht an. Schliesslichübernahm er wieder die Kontrolle und schaute sich das Haus an. Das Fenster, vor dem er gewartet hatte, zeigte Licht. Leichtfüssig spazierte er auf das Fenster zu und sprang mit einem eleganten Satz auf das Fensterbrett. Durch die dünnen, weissen Vorhänge sah er sie in ihrem Bett liegen. Sie hatte ein Buch auf dem Schoss. Er suchte kurz nach einer Erinnerung und begann dann laut zu miauen. Nach dem zweiten oder dritten Mal wandte sie den Kopf von ihrem Buch und schaute ihn an. Ein Lächeln des Wiedererkennens schlich sich auf ihr Gesicht. Sie schlug die Bettdecke zurück, stand auf und kam zum Fenster."Hallo, Kleiner!", sagte sie freundlich, als sie das Fenster öffnete.
"Kommst du mich wieder mal besuchen? Na, komm schon rein." Sie trat einen Schritt zurück und er zögerte keine Sekunde, ihrer Aufforderung zu folgen. Er sprang in das Zimmer und setzte sich sofort hin. Er schaute sie an und
miaute wieder. Er wusste, was kommen würde.
"Hunger?" fragte sie. "Warte hier. Ich hol dir was."
Er tat, wie ihm geheissen. Geduldig wartete er, bis sie mit einem Schälchen frischer Milch aus der Küche zurückkam.
"Hier. Lass es dir schmecken." sagte sie und stellte die Schale vor ihn hin. Untypisch für eine hungrige Katze wartete er, bis die Schale vor ihm stand und sie ihre Hand weggezogen hatte. Dann senkte er den Kopf und begann die
Milch mit der rauhen Zunge aufzulecken.
"Du bist ganz schön wohlerzogen." bemerkte sie und begann ihn am Nacken zu kraulen. Er liess dem Geist der Katze wieder etwas mehr Freiheit und sofort begann das Tierchen laut zu schnurren. Er drängte sich ihrer sanften Liebkosung entgegen. Schliesslich hörte sie auf, ihn zu kraulen und legte sich wieder ins Bett. Er trank noch ein Weilchen, dann putzte er sich wieder, diesmal ausgiebig und lange. Immer wieder schaute er zu ihr hin und
manchmal schaute sie zurück. Als er dachte, nun wäre es genug mit der Körperpflege stand er auf und
spazierte auf ihr Bett zu. Er blieb davor stehen und guckte sie auffordernd an.
"Na, komm schon." lachte sie und klopfte ermutigend auf die Bettdecke. Das liess er sich nicht zweimal sagen. Mit einem Satz sprang er zu ihr hoch und begann wieder laut zu schnurren. Er tapste etwas unbeholfen über ihre Beine,
vorsichtig darauf bedacht, die Krallen dort zu lassen, wo sie waren. Er schlich zu ihrem Gesicht hoch, stupste sie mit der Nase an. Sie hatte das Buch beiseite gelegt und strich ihm lachend mit beiden Händen über den Rücken. Er bewunderte ihren wundervollen Körper, ihr feingezeichnetes Gesicht, nahm ihre Wärme über die empfindlichen Samtpfoten der Katze auf, genoss ihre unglaublich weiche Haut.
"Hm..." murmelte sie. "Du hast ein wundervolles Fell, Kleiner."
Er wurde etwas mutiger und begann sich seinen Weg unter die Bettdecke zu suchen. Schliesslich fand er einen Einlass und kroch an ihren schlanken Beinen entlang. Die Decke rutschte über seinen Rücken, ihr helles Lachen
begleitete ihn auf seinem Weg zu ihren zarten Füssen. Er kitzelte sie kurz mit den Schnurrbarthaaren an den Fusssohlen, was sie wieder zum Lachen brachte. Er liebte es, ihr Lachen zu hören. Er liebte ihre Stimme, ihren
Körper, ihre ganze Person. Niemals würde er ihr so nahe sein wie in diesem Augenblick. Geduckt kroch er wieder nach oben, steckte seinen Kopf unter der Decke hervor, blickte direkt in ihr fröhlich lächelndes Gesicht.
Schliesslich tapste er wieder auf die Decke, legte sich auf den Rücken und streckte alle Viere von sich. Sie kraulte ihn sanft am Bauch, worauf er sich vorsichtig zusammenkrümmte und ihre Hand mit allen vier Pfoten festhielt. Sie rieb seinen weichen Bauch etwas heftiger, er verstärkte seinen Griff."Willst du spielen, Kleiner?" fragte sie neckisch und stupste ihn mit den Fingern schnell an verschiedenen Stellen seines kleinen, sehnigen Körpers. Er drehte sich hierhin und dorthin, schnappte mit den Zähnen nach ihren Händen, aber sie war schneller. Er wand sich, sprang weg, kehrte wieder zurück, schlug mit den Pfoten nach ihr, stets auf seine scharfen Krallen bedacht.
"Vorsicht, Kleiner." mahnte sie. "Kratz mich nicht!"
Er nahm sich in acht. Am Anfang, als er den Körper der Katze noch nicht ganz unter seiner Kontrolle hatte, war ihm einmal das Temperament durchgegangen und er hatte sie heftig am Oberschenkel gekratzt, so dass eine Narbe
entstanden war, die immer noch zu sehen war. Er spielte noch ein paar Minuten mit ihr, dann beruhigte er sich wieder und sprang vom Bett auf den Boden, wo er der Katze wieder die Freiheit liess, sich zu putzen. Danach spazierte er zum Fenster und schaute sie wieder an. Sie schaute nachdenklich zurück.
"Willst du schon gehen?" fragte sie. Ihr Blick vermittelte ihm das Gefühl, als würde sie auf eine Antwort warten. Er miaute kurz. Sie stand auf und machte das Fenster für ihn auf. Er sprang auf das Fensterbrett, hinaus in
die Nacht, ohne sich noch einmal nach ihr umzuschauen."Auf Wiedersehen, Kleiner" rief sie ihm leise nach.

Er trottete ein paar Schritte über das kühle Gras davon, dann liess er den Geist und den Körper der Katze sanft los und zog sich zurück. Er öffnete die Augen und lag wieder auf seinem Bett. Er lächelte.